zeitnehmer

Writing home for Christmas

In Leben am 23. Dezember 2011 um 13:26

Liebes Tagebuch,

jetzt habe ich schon drei Anläufe genommen einen Jahresrückblick zu schreiben. aber weißt Du was: Ich habe sie alle gelöscht. Irgendwie waren sie mir etwas zu weinerlich und voller Weltschmerz. Ein wenig beleidigt auch. Aber das bringt ja nichts, oder?

Weißt Du, für mich war 2011 so durchwachsen wie schon lange kein Jahr mehr.

Nehmen wir nur mal meinen Job. Da war ich 2010 zu adidas gekommen um Digitale PR zu machen und mitten im Jahr 2011 strukturieren wir das Brand Marketing um und ich mache einen anderen Job. Das erste Mal, dass eine berufliche Veränderung nicht von mir ausging. Komisch hat sich das angefühlt. Aber weißt Du was liebes Tagebuch. Im Grunde genommen hieß das für mich nur, diesen Anspruch PR und Social Media und all das mit den anderen Disziplinen verschmelzen zu können, jetzt mal von Grund auf in die Tat umsetzen zu können.  Ich habe eigentlich grade diebischen Spaß dabei, die Agenturen die (so wie ich ja auch) das bisher gepredigt haben, in die Pflicht zu nehmen. Zu kollaborieren und über die Grenzen von 60 Sekunden Sports und Gift with Purchase zu denken und eine Kommunikationsschleife zu binden. Ist doch eigentlich super, oder? Na also.

Und privat so? Mehr Schlaf wäre gut gewesen, weniger Streit wäre gut gewesen, mehr Gelassenheit und eine dickere Haut. Aber woher nehmen? Es gibt eben Zeiten in denen es nicht einfach ist. In denen man akzeptieren muss, dass man nicht alles was man sich wünscht oder was man haben will auch bekommt. In denen man dankbar sein müsste für all das was man hat (und vor Egozentrik nicht sieht).  Dabei haben die Kinder sich toll eingelebt. Freunde gefunden. Haben Erfolg in der Schule und beim Sport. Es gab tolle Reisen und Urlaube und wenn wir in ein paar Jahren ins Fotoalbum sehen, dann werden wir uns in der Regel anlächeln und sehr zufrieden wirken…

Und dann wollte ich mich noch beschweren liebes Tagebuch. Über die Politik und wie sie sich von den Bürgern entfremdet. Über die Diskrepanz zwischen Moralischen Anspruch und Verhalten. Ganz gleich ob es ums Abschreiben geht oder um Vorteilsnahme im Amt. Wo ist das Rückgrat geblieben? Wie soll sich denn eine Gesellschaft orientieren an Volksvertretern, die in Talkshows sitzen und hanebüchenen Unsinn reden. Die nicht leben was sie predigen. Die von den Bänkern deren Boni sie anprangern Kredite nehmen. Nie ist es mir leichter gefallen gegen meinen eigenen finanziellen Vorteil wählen zu gehen weil ich die Welt sehr ungerecht finde. Tagebuch, mir geht das geforderte Wachstum auf den Geist, weil es ein kurzfristiges ist. Ich sehe nicht, wie sich diese Gesellschaft weiterentwickelt wenn Burn-Out besser als Depression klingt und akzeptiert wird, weil das Wort suggeriert, dass jemand sich mit Haut und Haaren einer Aufgabe verschrieben hat. Das ist doch pervers, oder?

Weißt du Tagebuch, jetzt habe ich mich doch beschwert und das wollte ich eigentlich nicht, denn im Grunde blicke ich voller Demut auf dieses Jahr zurück in dem ich mehr bekommen als gegeben habe, in dem ich mir vieles vorwerfen muss und in dem ich doch soviel Gutes erfahren habe.

Ich habe nur ein bisschen Angst vor 2012, weißt Du.

Denn ich habe da so ein Gefühl, dass sich etwas zusammenbraut, dass ich nur einer von vielen bin, deren Entrüstung sich Bahn brechen wird.

Wir lesen uns in 2012

Und bis dahin der großartige Charlie Chaplin

 

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